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Literatur findet im Buch statt. Deshalb sollte ihr Erscheinungsort zunächst keine Rolle spielen. Literatur ist aber auch Austausch von Autoren untereinander, – ist das Gespräch der Leser über ihre Lektüre und die Kommunikation der Verlage über das aktuell Interessante und Verlegenswerte. Insofern können Verlagsstandorte von erheblicher Bedeutung sein. Und so ist es in Frankfurt. Es gibt ein gutes Dutzend literarischer Verlage in Frankfurt, wo rund 160 Verlage betrieben werden – darunter auch Telefonbuch- und Banken-Fachverlage, Kinderbuch- und Regionalia-Verlage, Verlage für Werbemittel, Zeitschriften und Zeitungen. Wenn der Verlagsstandort Frankfurt dennoch vorrangig mit Literatur in Verbindung gebracht wird, so deshalb, weil die Stadt lange Zeit einerseits vom Image der weltweit größten Buchmesse und andererseits von der Bedeutung der beiden großen literarischen Verlagshäuser in Frankfurt – Suhrkamp und S. Fischer – profitiert hat. Obendrein dürften alle literarischen Buch-Verlage Frankfurts zusammengenommen zwar nur einen kleinen Prozentsatz des Umsatzes beispielsweise der beiden großen Tageszeitungsverlage F.A.Z. und Frankfurter Rundschau erreichen, aber: Literarische und kulturelle Publikationen werden diskutiert, während Telefon- oder Fachbücher kaum öffentliche Würdigung erfahren – Literaturverlage bilden insofern das Aushängeschild der gesamten Verlagsbranche und des jeweiligen Verlagsstandorts.
Im Kanon der bedeutenden deutschen Verlagsorte Berlin, Hamburg, München, Leipzig, Köln und Frankfurt nimmt das literarische Frankfurt in mehrfacher Hinsicht eine Sonderstellung ein: München und Hamburg sind jeweils mit einigen soliden mittelgroßen Häusern gesegnet (Europäische Verlagsanstalt, Hanser, Deutscher Taschenbuch Verlag) und haben Verlags-Riesen wie den Rowohlt Verlag vor Ort. Berlin hingegen ist als Verlagslandschaft ein mächtiger, bunter Teppich aus allen Sorten von Literaturbetrieben, von jungen Editionen mit wenigen Titeln pro Jahr und Handpressen in Kleinstauflagen bis hin zu verzweigten alteingesessenen Verlagskonzernen.
Frankfurt dagegen kann mit den Verlagen S. Fischer und Suhrkamp zwei der feinsten Literatur-Adressen vorweisen und beheimatet daneben auch neue Verlage, die konzentrierte Programme mit 15 bis 25 Titeln im Jahr vorlegen und am deutschen Buchmarkt überdurchschnittlich präsent sind.
Ida und Klaus Schöffling ist es mit ihrem Verlag Schöffling gelungen, vor allem junge deutsche Autoren in großen Auflagen und Übersetzungen in zahlreichen Ländern zu platzieren. Das „Fräulein-Wunder“ junger Autorinnen mit aktuellen Erzählthemen, die serienweise Literaturpreise ergattern, kam zum Gutteil von hier. Daneben die Frankfurter Verlagsanstalt: Joachim Unseld, Sohn des verstorbenen Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld, hatte 1995 die FVA übernommen und präsentiert wichtige moderne deutsche und internationale Autoren, die überdurchschnittlichen Erfolg haben.
Programmatisch ganz anders der Stroemfeld Verlag, in dem K.D. Wolff neben einem gesellschaftskritisch-aktuellen Programm sorgsamst edierte und prachtvoll hergestellte Klassiker-Ausgaben (Hölderlin, Kleist) auflegt, die Standards setzen. Konzeptionell anders ausgerichtet ist der Axel Dielmann Verlag Frankfurt. Der Verlag brachte Literatursponsoring mit der Reihe „Etikett“ ins Spiel: experimentelle Literatur, deren absehbare Schwergängigkeit am Buchmarkt kalkulatorisch durch Sponsoren ausgeglichen wird. Diese messen dem Imagegewinn durch die Anbindung an junge Literatur einen gut bezahlten Gegenwert bei, wobei die Partner auf den Buchtiteln durch ihr Unternehmenslogo präsent sind. Der von Dr. Waldemar Kramer gegründete, gleichnamige Verlag wird inzwischen von dessen Tochter Henriette weitergeführt und ist auf Regionalia spezialisiert. Die Titel befassen sich mit Literatur, Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft, Mundart und Geschichte vornehmlich der Stadt Frankfurt und der Region.
Während von den Traditionshäusern S. Fischer und Suhrkamp ein mächtiger Teil der deutschsprachigen Klassiker und Klassiker der Moderne verlegt wurde und wird, haben die jüngeren Frankfurter Verlage mit neuen Konzepten und bei gleichzeitiger Konzentration auf verlegerische Tugenden an Bedeutung gewonnen.
Dass jüngst ausgerechnet in der Bankenstadt das Experiment einer Verlags-AG gewagt wurde, ist sicher kein Zufall. Matthias Kierzeck führte 2001 den Eichborn Verlag mit seinem breit angelegten Literaturprogramm und der „Anderen Bibliothek“ an die Börse. Seine Idee, einen weiteren literarischen Großverlag in Frankfurt zu entwickeln, war nahe liegend: Die Rechte, die ein Verlag zunächst in Gestalt seiner materiell vorliegenden Bücher hält, müssen vernünftigerweise möglichst vollständig genutzt werden. Die Wertschöpfungskette geht von der Originalpublikation über den Verkauf von Taschenbuch- und Übersetzungsrechten, vom Vorabdruck in Zeitungen und Schulbuchauszügen über Radio- und Fernsehrechte bis hin zu Hör-CDs und Verfilmungen und, wenn es gut läuft, zu Merchandizern. Was liegt da näher, als diese Kette im eigenen Haus auszuschöpfen? Also band Eichborn mit dem an der Börse gesammelten Geld – nach eigenem Hörbuchlabel – eine Filmproduktion und weitere Verlage und sogar Agenturen zur Vermarktung der Rechte an sich.
Dass diese Diversifikation nicht aufging und der Verlag auf das – unterdessen äußerst erfolgreiche – Kerngeschäft des Buchverkaufs zurückgenommen wurde, mag darin seinen Grund haben, dass literarische und generell kulturelle Inhalte eben doch nicht einfach im Sinne klassischer Verwertungsketten verschaltbar sind. Obendrein sind die thematischen und medialen Begehrlichkeiten teils so kurzlebig geworden, dass eine lückenlose Buchverwertung der „In-Titel“ hoffnungslos hinterherhinken muss – jedenfalls, wenn sich die dazu nötige Verlagsmaschinerie ihrerseits gerade erst im Aufbau befindet.
Natürlich führten verstärkend die Turbulenzen der zurückliegenden Wirtschaftsjahre auch bei den literarischen Buchverlagen zu chaosnahen Situationen. Die klassischen, eindeutigen Zuordnungen „Große Verlage machen große Programme in großen Auflagen, kleine Verlage stehen für kleine Titelproduktionen in kleinen Stückzahlen“ gehen in den Veränderungen der Märkte und den Verwerfungen der Dimensionen unter. Mehrfach sind in den vergangenen Jahren Verlage mit zehn bis 20 Titeln im Jahr durch verblüffende Bestseller gesegnet gewesen, andererseits haben Branchenriesen mit einigen Hundert Titeln Jahresproduktion die Wirtschaftsprüfungen über sich ergehen lassen müssen und die Zahlen heruntergebrochen bekommen auf mittlere Verlagsgrößen.
Bei alledem darf allerdings nicht vergessen werden, dass die Buchbranche insgesamt ein eher winziger Wirtschaftszweig ist: Alle deutschen Buchverlage zusammengenommen machen kaum den Umsatz eines einzelnen größeren Chemiekonzerns. Aber: Wer diskutierte je ein Abflussreinigungsmittel öffentlich, wer bespräche je publikumswirksam den chemischen Reinheitsgrad von Kunststoff-Granulaten? Diesen Wert des Gutes Literatur und Buch hat denn auch die Stadt am Main wieder erkannt, die nach vielen Jahren richtungsweisender Kulturpolitik und anschließender kulturpolitischer Durststrecke beispielsweise ein eigenes Literaturfest arrangiert. 2002 gab es zum ersten Mal das „Literaturfestival“. Im vergangenen Jahr wurde, nach schwierigen Finanzierungswehen, eine Neuauflage eingerichtet, die nun eine regelmäßige Institution werden soll. Seitens der Verlage selbst gibt es eine zweite jährliche Großveranstaltung in Sachen Buch aus Frankfurt: Am 1. Mai dieses Jahres fand erneut der „Lange Tag der Bücher“ statt, eine Kooperation der Frankfurter Publikumsverlage mit dem Schauspiel Frankfurt.
Wie die Kommune, so profitiert von dem Standort der Internationalen Frankfurter Buchmesse jeder hier ansässige Verlag. Wer beispielsweise Sponsoren für seine Bücher und Autoren akquiriert und als Frankfurter Verlag bei Unternehmen vorspricht, wird automatisch mit Buch und Buchmesse assoziiert – und stellt damit Vertrauen und Glaubwürdigkeit her. Der zweite Standortvorteil ist die verkehrsgünstige Lage Frankfurts. Georg Simader, Betreiber der Literatur-Agentur Copywrite, spricht von einem „Face-to-Face-Geschäft“, mit dem die Literaturmacher zu tun haben. Dies wird – bei eher geringen finanziellen Spielräumen wie in der Buchbranche – finanzierbar, wenn die Wege direkt sind. Für Margarethe Schwind, die mit ihrer Kommunikationsagentur Verlage bei Events betreut, ist Frankfurt als Standort zwar ohnehin nicht ersetzbar, aber die kurzen Wege sind für sie ebenso geschäftsrelevant wie für die Verleger.
Axel Dielmann
Geschäftsführender Gesellschafter axel dielmann verlag Frankfurt am Main
Verlagsstadt Frankfurt
Frankfurt ist neben Berlin, Hamburg, Köln und München eine der bedeutenden Verlagsstädte Deutschlands. Ein Dutzend literarischer Publikumsverlage prägen das kulturelle Bild der Stadt wesentlich mit. Daneben ist Frankfurt der Standort der weltgrößten Buchmesse, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels als Verband sowohl der Buchhändler als auch der Verleger hat seinen Sitz in Frankfurt wie auch die Deutsche Bibliothek, die alles je Verlegte für den Kulturbesitz des Landes archiviert.
Besonderes Merkmal der Buchstadt Frankfurt: die Spannweite aus wichtigen, alteingesessenen Strukturen und neuen, erfolgreichen Unternehmen der Verlagswelt.
IHK WirtschaftsForum
September 2005
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